Das Forschungsvorhaben „PlaFonD” untersucht die Entstehung einer Revolution in der kartografischen Kompetenz (‚mapping literacy‘) im Europa des 18. Jahrhunderts. Dabei stellt sich die Frage, wie Grundstückskarten, die zuvor selten waren und nur für gerichtliche Zwecke oder Prestigeprojekte verwendet wurden, zu gängigen Instrumenten für die Beschreibung und Aneignung von Raum wurden. Dieser Umbruch war nicht das Ergebnis einer einfachen technischen Innovation. Die Einbeziehung dieser neuen Dokumentarten in die bereits bestehenden Beziehungen von Gesellschaften zum geschriebenen Wort spiegelt einen tiefgreifenden Wandel in den sozialen, wirtschaftlichen und kognitiven Praktiken wider – und das, noch bevor moderne Staaten geometrische Kataster einführten.
Die Studie konzentriert sich auf den entscheidenden Zeitraum von 1715 bis 1820. Dabei werden das Königreich Frankreich und die Habsburgermonarchie verglichen. Trotz ihrer unterschiedlichen fiskalischen, rechtlichen und kulturellen Strukturen erlebten beide Gebiete eine gleichzeitige Verbreitung von Grundstückskarten. Das Vorhaben versucht, die Rhythmen und räumlichen Dynamiken dieser raschen Transformation der visuellen Kulturen und der Beziehung zum Land zu rekonstruieren. Dabei werden auch die Akteure und Faktoren identifiziert, die an der weit verbreiteten Einführung von Grundstückskarten beteiligt waren, darunter die Verbreitung von Verwaltungsmodellen, die Rolle der lokalen Eliten, die Mobilisierung des Volkswissens der Bauern, die Entwicklung der Grundbuchführung, der Einfluss der gedruckten Kartografie sowie die Professionalisierung von Vermessungsingenieuren, Ingenieuren und Geometern. Grundstückskarten sind sowohl Ergebnis als auch Motor der Verbreitung von kartografischer Kompetenz. Ihre Studie scheint der beste Ansatz zu sein, um die disziplinären Grenzen in der Geschichte der Berufskulturen zu überwinden. Die Kartierung von Grundstücken bildet den ultimativen Schnittpunkt verschiedener kartografischer Traditionen, an dem verschiedene Karrierewege zusammenlaufen.
Das Projekt legt einen starken Schwerpunkt auf die Digital Humanities. Eine durch regionale Datenerhebungskampagnen gespeiste Datenbank wird sowohl detaillierte Studien zu bestimmten Dokumentenkorpussen als auch die Entwicklung einer originellen Typologie historischer Karten ermöglichen. Aufgrund seines Umfangs, seiner Vielfalt und seines visuellen Charakters eignet sich der Korpus gut für Deep-Learning-Methoden der künstlichen Intelligenz. Mithilfe der in der Datenbank beschriebenen Karten können KI-Algorithmen trainiert werden, die neue Karten klassifizieren und die darin enthaltenen Elemente der kartografischen Sprache (Legenden, Muster, Symbole usw.) lokalisieren und vermessen können. In Verbindung mit interdisziplinären Studien werden diese heuristischen Werkzeuge dazu beitragen, die Entstehungsgeschichte von Grundstückskarten zu rekonstruieren.
Das Forschungsvorhaben fördert eine Politik der offenen Wissenschaft und trägt zur Aufwertung und zum Schutz des digitalen Erbes bei. Die Datenbank wird über eine kartografische Schnittstelle zugänglich gemacht. Sie wird die wissenschaftlichen Ergebnisse des Vorhabens enthalten und bei der Interpretation der Karten helfen. Es wird außerdem möglich sein, neue Daten aufzunehmen, die von Nutzern, darunter Fachleuten aus dem Bereich des Kulturerbes, Historikern und sachkundigen Liebhabern, eingegeben werden.